Sprache. Macht. Innovativ.

Unsere Sprache beeinflusst unseren Blick auf die Welt. Die Muttersprache formt und prägt unser Gehirn, unsere Denkweise. Diese Theorie ist alles andere als neu. Schon Johann Gottfried Herder und Wilhelm von Humboldt vertraten Mitte des 18. Jahrhunderts die Auffassung, dass Sprache und Denken in einem engen Zusammenhang zueinander stehen. Relativ neu jedoch ist, dass man sich dieses Wissen effektiv zu Nutze machen kann – und zwar zur Stimulation seiner Denkereien und zum Anfachen kreativer Feuerwerke.

Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Sprechen selbstverständlich keine absolute Voraussetzung zum Denken darstellt – schließlich können auch Babys oder stumme Menschen denken. Aber laut Sprachpsychologin Lera Boroditsky von der Stanford University versetzt die Möglichkeit zu sprechen Menschen in die Lage, Ideen unendlich neu zu kombinieren und aus ihnen fortwährend Neues zu kreieren. Auf diese Weise könnten wir sogar über Sachen sprechen, die es gar nicht gibt. Demzufolge ermöglicht Sprache grenzenlose Kreativität und Innovationskraft.

Oft merken wir gar nicht, wie sehr Sprache uns auch manipulieren kann. In Untersuchungen wird beispielsweise offenbar, dass Gerichte, die angeblich nach „Großmutters Rezept“ zubereitet wurden, bei der Bewertung besser abschneiden als exakt das gleiche Essen ohne den Oma-Bonus auf der Speisekarte. Oder dass ein „Tropical“-Tee von Testtrinkern geschmacklich als „fruchtig-exotisch“ beschrieben wird – eine Beurteilung, die derselbe Tee mit dem Namen „Kaminabend“ nicht bekommt. Dabei hatte sich an dem Tee nur der Name geändert, ansonsten handelte es sich um exakt die gleiche Sorte.

Dass der Name eben Programm ist und daher auch die Namenswahl für den Nachwuchs bitte mit Bedacht getroffen werden sollte, dürfte hinlänglich bekannt sein. Nicht nur der Volksmund hält „Kevin“ inzwischen mehr für eine Diagnose als für einen durchschnittlichen Vornamen. Tatsächlich belegen Untersuchungen, dass erst Lehrer und später potentielle Bewerbungskomitees den Sophies, Alexanders und Charlottes mehr zutrauen, sie von vornherein für intelligenter halten, als Ronnys, Mandys und Chantalles. Die Vorklassifizierung im Gehirn geschieht sogar noch detaillierter: Frauennamen, die auf a enden, schaffen im Allgemeinen die Erwartungshaltung, dass es sich bei der Namensträgerin natürlich um eine Person mit guter Auffassungsgabe handelt. Übrigens heißt meine Assistentin Anika 😉 Gute Wahl, wie sich herausstellte.

Die alltäglich gesprochene Sprache steuert Aufmerksamkeit und Denkweisen in eine bestimmte Richtung. Der israelische Linguist Guy Deutscher betrachtet in seinem Buch „Im Spiegel der Sprache“ die Muttersprache als eine Linse für unsere Weltanschauung. So scheint beispielweise das Geschlecht der Dinge zu bestimmen, welche Attribute wir ihnen zuordnen. Wie jetzt? Fragt man zum Beispiel einen Deutschen, mit welchen Eigenschaften er DIE Brücke oder DIE Gabel beschreiben würde, liefert er in der Regel Ausdrücke, die eher ins Feld typisch weiblicher Adjektive fallen. Beispiel: „schön“ oder „elegant“. Spanier hingegen, assoziieren mit „el puente“ (DER! Brücke) und „el tenedor“ (DER! Gabel) eher männliche Wörter wie „stark“ und „gewaltig“.

Und auch in einem anderen Versuch wird dieses Phänomen bestätigt: Man bat Franzosen und Spanier für einen Film – lassen wir es einen Zeichentrickfilm sein – Synchronstimmen für Gegenstände auswählen. Wieder zeigte sich, dass die Artikel in der jeweiligen Sprache den Ausschlag für die Stimmenwahl gaben: DER spanische Gabel sollte männlich synchronisiert werden, während DIE französische Fourchette eine Frauenstimme bekommen sollte.

Das Gehirn nutzt also – je nach Sprachprägung – bestimmte Filter. Außerdem liebt es Bilder. Ein Umstand, den jeder gute Redner, jeder, der sein Publikum beeindrucken möchte, kennen sollte: Das menschliche Gehirn mag Geschichten und freut sich über Metaphern. Sie legen die Filmrollen ins eigene Kopfkino ein und setzen Gedächtniszellen in die erste Reihe vor die Leinwand.

Lera Boroditsky wies in einem Experiment nach, wie signifikant Metaphern das Denken beeinflussen: Den Teilnehmern ihrer Studie wurde eine Geschichte vorgelegt, in der es um Kriminalität in einer Stadt ging. Bis auf einen einzigen Satz, nämlich den ersten, lautete der Text bei allen Testpersonen identisch. In diesem ersten Satz hatten die Forscher für die eine Hälfte der Gruppe als Metapher für Kriminalität die Bezeichnung „wildes Tier“ gewählt. Bei der anderen Hälfte war von einem „Virus“ die Rede. Nach der Lektüre wurden die Probanden aufgefordert, Ideen zu notieren, wie man der beschriebenen Kriminalität Herr werden könnte. Und siehe da: Die Vorschläge der Testpersonen haben sich deutlich von einander unterschieden! Die als „wilde Tiere“ auf der Fährte der Kriminalität waren, sprachen von einer „Hetzjagd“, „Einsperren“ und „strikteren Gesetzen“. Die andere „Virus“-Gruppe versuchte Kriminialität durch „präventive Maßnahmen“ wie „Aufklärung“ und verbesserte Bildung einzudämmen.

Lera Boroditsky bescheinigt Metaphern eine große Macht über unser Unterbewusstsein. Je nachdem, welches Bild vom Sprecher benutzt wird, spinnen sich in den Gehirnen der Zuhörenden in rasender Geschwindigkeit zahllose Assoziationen zu einem Gedankennetz – in dem sich Informationen verfangen. Informationen, die nicht in dieses Konzept passen wollen, werden allerdings umso schneller fallen gelassen. Was zur Folge haben kann, dass mitunter wichtige Faktoren überhört werden. Metaphern können eben beides: Verankern und Vertuschen.

Auch die räumliche Wahrnehmung wird sprachlich beeinflusst. Stephen C. Levinson vom Max Planck Institut für Psycholinguistik in niederländischen Nijmegen verbrachte einige Zeit in einer Aborigines-Gemeinde, deren Sprache keinerlei relative räumliche Positionen kennt: Links, rechts, vor, hinter kenn man nicht – stattdessen gibt es absolute Bezeichnungen, nämlich Himmelsrichtungen. Da wird ein Buch, je nach Sitzposition des Lesenden, von Ost nach West gelesen – statt von vorn nach hinten. Deswegen können schon kleine Kinder, die in dieser Sprache aufwachsen, im Schlaf die Himmelsrichtung anzeigen. Für jede Erlebnisschilderung muss sich der Aborigine also während des Geschehens seiner Himmelsrichtungen bewusst sein. Was dafür sorgt, dass er sich diese schon automatisch immer vergegenwärtigt.

Neben der räumlichen Orientierung scheint Sprache noch Auswirkungen zu haben auf die Fähigkeit, Farben nuanciert zu sehen – und auf die Bewertung von Situationen sowie Mitmenschen. Wieder war es Lera Boroditsky, die herausfand, dass Russen mehr Blautöne beschreiben können als Amerikaner (solange man sie nicht mit Rechenaufgaben ablenkt, aber das ist eine andere Geschichte). Und dass Engländer mehr darauf erpicht sind, die handelnde Person bei einem Geschehen zu beschreiben, während Japaner eher darauf achten, was mit den Gegenständen in einer Situation passiert. Während der Engländer also sagt: „Simon hat das Glas umgestoßen“, würde der Japaner eher äußern, dass das Glas sich umgeworfen hat.

Ein großes Geschenk haben Menschen bekommen, die bilingual aufgewachsen und/oder in mehreren Kulturen zu Hause sind. Ihre Assoziationen und Denkarten sind quasi breiter aufgestellt, sie nehmen die Dinge und Geschehnisse durch mehr als nur eine Linse wahr. Wer nicht von vornherein in den Genuss von Zweisprachigkeit kam, kann durchaus nachrüsten. Der Weg: im fortgeschritteneren Alter noch fremde Sprachen lernen und sich damit über den Tellerrand des gewohnten Denkens hieven! Mehr Sprachen bedeuten automatisch verschiedene Sichtweisen und damit verbunden auch mehr Perspektiven sowie stärkeres Innovationsdenken. Ob das wohl auch für den Fremdsprach-Klassiker Frau-Mann, Mann-Frau gilt?