Raus aus der Schublade! Rein in die Idee!

Unser Gehirn liebt Schubladen. Und genau die muss man fortwährend versuchen, aufzureißen, aufzuräumen, sie notfalls radikal umzudrehen und auszukippen, um kreativ zu bleiben. Ich weiß, bequem geht anders. Alltag, Routine, Komfortzone und Gewohnheiten sind das Killerkommando für Kreativität. Die findet genau dort und dann statt, wenn diese Jungs so fern wie möglich sind.

Im Virtual-Reality-Labor der niederländischen Universität Nijmegen haben die Professorin Simone Ritter und der Programmierer Jeroen Derks einen Parcours durch eine virtuelle Welt geschaffen, auf dem die Space-bebrillten Besucher fortwährend überrascht werden können. In seinem Buch „Und plötzlich mach es Klick!“ beschreibt Autor Bas Kast, dass Testpersonen einen virtuellen Raum erleben, in dem die physikalischen Gesetze, wie beispielsweise die Schwerkraft, nicht mehr zu gelten scheinen. Die zugrundeliegende These der Forscher besagt, dass die Denkmuster einer Person sich flexibilisieren, wenn diese mit Geschehnissen konfrontiert werden, die nicht den Erwartungen des Gehirns entsprechen – da macht ein Gegenstand schon viel her, der, wenn er umgestoßen wird, anstatt erwartungsgemäß vom Tisch zu fallen, stattdessen gen Zimmerdecke abhebt.

Für alle möglichen Situationen legen wir im Laufe unseres Lebens Schemata und Skripte in unseren Köpfen fest; eine gewisse Erwartungshaltung, die – zumindest was Naturgesetze betrifft zu einhundert Prozent und ansonsten auch mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit – erfüllt wird. Deswegen ist kein großes Nachdenken mehr für die Abläufe ums Aufstehen, Zähneputzen, Körperpflege, Anziehen (nun ja, mal mehr und mal weniger) und Frühstücken nötig. Das alles geht ziemlich von selbst. Dabei würde, wenn diese Routineabläufe durch irgendetwas Unerwartetes, vielleicht sogar etwas Ungewöhnliches, gestört würden, unmittelbar der kleine Kreativitätsgenerator zwischen den Ohren anspringen.

Stellen Sie sich bitte einmal vor, wie viele Überraschungen ein Baby jeden Tag erlebt. Es ist zum Schwindeligwerden, wenn man sich einmal klarmacht, welch eine Vielzahl von Eindrücken tagtäglich auf jemanden einprasseln muss, der kaum festgelegte Schemata in seinem Kopf hat. Was bedeutet das für uns? Richtig: Je älter wir werden, desto mehr Routinen legen wir uns zu, desto mehr läuft nach Plan und desto weniger Hallo-Wach-Surprise-Alles-anders-als-gedacht-Momente tauchen in unserem Alltag auf. Und was heißt das für unser Vermögen, das kleine Kreative zwischen den Ohren auf Trab zu bringen? Genau, das Kreativsein wartet in dem ganzen Nach-Plan-Existieren noch immer geduldig darauf, das man es mal wieder braucht beziehungsweise auf einen Anschubser.

Und wehe, wenn es losgelassen! Ein einfacher Test, den Simone Ritter und ihre Kollegen im Anschluss an den Aufenthalt im Virtual-Reality-Labor mit ihren Probanden durchführen, zeigt, wie sehr sich das schlummernde Kreativum über einen Wake-Up-Call freut: Auf die simple Frage „Was macht Geräusche?“ geben diejenigen, die im Labor eine Erschütterung ihrer Annahmen und Skripte erlebt hatten, nicht nur viel mehr Antworten, sondern auch vielfältigere als die Vergleichsgruppe, die auf ihrem Weg durch die virtuelle Welt keinerlei Überraschungen und Abweichungen von ihren Erwartungen erlebt. Letztere kommen auf der Suche nach Geräuschquellen meistens auf wenig mehr als ein paar laute Verkehrsteilnehmer, während Antworten der Überraschten weit reichen: Stiefelschritte im Schnee, das Geräusch, wenn man einen Mückenstich kratzt, fließendes Wasser, Geschirrspülmaschinenausräumgeklapper und und und. Die Skript-Störung hat ihre Fantasie beflügelt und für einen Kreativitätsschub gesorgt.

Warum trainieren eigentlich so wenig Menschen ihre Kreativität, obwohl sie selbst angeben, sie zu brauchen? Wer merkt, dass er unfit wird, schleppt das welke Fleisch doch irgendwann auch zum Sport. Raus aus der Routine, rein in den Schemata-Schreck! Da nicht jeder unbedingt Platz für ein Virtual-Reality-Labor im Keller hat (da stehen ja schon der Cross-Trainer und die Ruderbank), müssen Alltagsüberraschungen her – und die gute Nachricht lautet: Das ist gar nicht soooo schwer! Der Trick besteht darin, zunächst ein bekanntes Schema in Gang zu setzen – und es dann auf den Kopf zu stellen, indem man es durchbricht. Beispiel: Die allmorgendliche Prozedur ab dem Aufstehen bis zum Ausdemhausgehen. Ich wette, Sie erledigen alle Abläufe in einer festen Reihenfolge – und ja, es bleibt sinnvoll, erst zu duschen und sich danach anzuziehen. Aber warum nicht mal Frühstück oder jedenfalls den obligatorischen Kaffee und das Anziehen tauschen? Man startet anders in den Tag und kommt auf neue Ideen. Versprochen.

Falten Sie doch einmal die Hände. Welcher Ihrer Daumen liegt oben, der rechte oder der linke? Wissen Sie, dass Sie Ihre Hände immer auf die gleiche Art falten? Probieren Sie es doch einmal bewusst anders herum, also wenn eben Ihr linker Daumen oben lag, liegt da nun der rechte. Und, fühlt sich bestimmt komisch an – oder zumindest ungewohnt, nicht wahr? Das Resultat ist das gleiche. Es gibt eine Therapiemethode, die nicht nur professionellen Musikern und Sportlern Aha-Erlebnisse beschert, sondern jeden von uns über körperliche Erfahrung umdenken lässt: Feldenkrais. Dabei lernt man, eingeschliffene Bewegungsmuster, die nicht selten zu Beschwerden führen, wenn man die 40 schon hinter sich gelassen hat, zu erkennen und zu verändern. Eine spannende Erfahrung – und ganz sicher nicht nur körperlich.

Zum Schluss möchte ich zu der wohl schönsten Art kommen, auf die man sein Kreativsein fordern und fördern kann: Das Reisen. Reisen hilft, weil es auf mehr als nur eine Art den Horizont erweitert. Zum einen kann man sich in anderen Ländern mit fremden Sprachen umgeben (wozu das gut ist, erfahren Sie in einer der nächsten Geschichten), zum anderen muss man sich tagtäglich neu orientieren. Vorausgesetzt, man lässt sich auf das Neue ein und besucht kein germanische Schnitzelrestaurant auf balearischen Inseln. Das bedeutet, dass Gewohnheiten durch Überraschungen ersetzt werden – mitunter auch solchen, auf die man gerne verzichten würde – wie jeder weiß, der seinen Magen auf fernöstlichen Reisen schon einmal mit lokalen Delikatesse herausgefordert hat. Allerdings zwingen auch solche Erlebnisse dazu, kreativ zu werden.

An der französischen Business School Insead, sowie an der amerikanischen Northwestern Universität fanden internationale Teams von Forschern Folgendes heraus: Je länger Menschen sogar im Ausland gelebt hatten, desto besser und schneller waren sie in der Lage, kreative Problemstellungen zu lösen. Sie waren zu flexiblerem Denken in der Lage als diejenigen, die stets und ständig in der gleichen Umgebung, beziehungsweise Kultur gelebt hatten. Wer nun nicht noch einen anderen Grund zum Auswandern hat, kann ja jetzt einmal überlegen, wohin die nächste Reise gehen soll – ich für meinen Teil, lasse mir sicher wieder schnellstmöglich spanische Sonne ins Gesicht scheinen.