Kreativität – ein Frage der Persönlichkeit?

Jeder Mensch ist anders, aber jeder kann kreativ sein – was den einen inspiriert, macht den anderen wahnsinnig; dem einen kommen die besten Ideen, wenn er für sich alleine ist (oft genannt werden: „Unter der Dusche“ oder „im Schlaf“), während der Kollege aus dem Büro gegenüber sich stattdessen seine kreativen Ideen auf einer Serviette unterm Tisch notiert, im Laufe eines lauten, ausgelassenen Abendessens, inmitten zahlreicher Menschen.
Spielt die Persönlichkeit für kreative Prozesse eigentlich eine Rolle? Sind zum Beispiel mutige, extrovertierte Menschen tendenziell kreativer, weil sie sich eher trauen, neue Wege zu gehen, Ideen zu generieren und sie zu vertreten? Die Meinungen der Wissenschaftler gehen auseinander. Fakt ist jedoch, dass jeder, ungeachtet seiner Persönlichkeit, bestimmte Kreativtechniken lernen und damit sein kreatives Potential verbessern kann.

Die Amerikanerin Julia Cameron schreibt Bücher, ist Drehbuchautorin, Filmemacherin, Komponistin – und sie unterrichtet Kreativität. Ihrer Meinung nach gibt es keine unkreativen Menschen. Viel mehr sei die Kreativität des Einzelnen in vielen Fällen blockiert – und zwar von dem, was uns im Hinterkopf beschäftigt hält: „Ich muss dringend den Klempner anrufen, ein Check-Up beim Hausarzt könnte auch nicht schaden und die Geburtstagskarte für Tante Elke müsste auch schon längst geschrieben worden sein“, und so weiter und so fort. Bevor Cameron selbst am Morgen kreativ beginnt zu arbeiten, schreibt sie ihre „Morning pages“; drei Din-A-4-Seiten, auf denen es um nichts weiter geht, als alle umherschwirrenden Gedanken aufs Papier und damit aus dem Kopf zu kriegen. Mit dieser Methode schaltet man den Alltagssoundtrack, der permanent im Hirn dudelt, aus. Und man schafft ein konzentriertes Bewusstsein für den Moment. Schon während des Schreibens kommen dann oft neue Ideen auf – die man am besten auch gleich festhält, um sie nicht wieder zu vergessen.

Der Psychologe, Autor, Journalist und Forscher Robert Epstein, ehemaliger Chefredakteur bei „Psychology Today“ und Gründer des Cambridge Center for Behavioral Studies legt seinen Arbeits- und Forschungsschwerpunkt seit mehreren Jahrzehnten auf Kreativität. Den Anfang nahm alles in den 1970ern an der Universität von Harvard, wo Epstein mit Tauben arbeitete. Er brachte den Vögeln Verhaltensweisen bei, um sie im Folgenden in eine neue Situation zu bringen und dabei zu beobachten, wie sie sich verhielten. Schnell wurde ein Zusammenhang zwischen dem Gelernten und dem Verhalten in der fremden Umgebung deutlich, so dass der Forscher schließlich Gesetzmäßigkeiten ableiten und das Verhalten der Tiere voraussagen konnte. Es folgten Studien mit Kindern und Erwachsenen – und das Ergebnis war das gleiche: Kreative Prozesse folgen vorhersehbaren (oftmals gelernten) Muster. Epstein entwickelte Tests, mit denen Menschen herausfinden können, wie sie sich selbst am besten in die Lage versetzen, ihre Kreativität zum Ausdruck zu bringen, und er erfand zahlreiche Spiele und Übungen, die bei jedem Einzelnen kreative Ideen zum Sprudeln bringen.
Ist es nun etwas Gutes, anzunehmen, dass Kreativität ein geordneter Prozess ist? Auf jeden Fall! Denn es bedeutet, dass im Grunde jeder aus dem Vollen schöpfen kann – er muss nur wissen, wie. Schlechte Neuigkeiten dürfte es lediglich für diejenigen bedeuten, die bisher dachten, sie bräuchten nur entspannt auf der Muse Kuss zu warten, der Rest würde sich dann schon fügen. Kreativität ist Arbeit – und, wie schon Kästner wusste: „Es gibt nichts Gutes außer, man tut es!“

Epstein zu Folge gibt es vier essentielle Fertigkeiten, die zum Kreativsein trainiert werden können:

1. CAPTURING, also das Abspeichern und Festhalten von Ideen; wann immer sie einem kommen und vor allem: ohne sie zu bewerten. Achtung: Wer zu früh anfängt, seine Einfälle auf Brauchbarkeit zu prüfen, sich die Reaktionen anderer auf das Erdachte vorzustellen, wird unter Umständen gute Ansätze verwerfen! Sammeln, sammeln, sammeln und was heute noch nicht taugt, treibt in einigen Monaten vielleicht die tollsten Blühten. Der Homo Technicus 2.0 hinterlässt sich einfach Sprachnotizen auf dem Smartphone oder führt, old school aber dafür wie schon Albert Einstein, stets ein Notizbuch mit sich.

2. CHALLINGING, sich selbst vor eine Herausforderung zu stellen, sich an einem Problem festbeißen. Es ist erwiesen, dass in komplizierten Lebenssituationen verschiedene komplexe Denk- und Verhaltensweisen miteinander konkurrieren und dadurch neue Lösungsstrategien und Ideen entstehen.

3. BROADENING, im weitesten Sinne die Erweiterung des Wissensspektrums: Je größer die Allgemeinbildung, je breiter man aufgestellt ist, desto mehr Zusammenhänge kann man erkennen und desto kreativer kann man denken.

4. SURROUNDING, je mehr man sich mit inspirierenden und interessanten Dingen und Menschen umgibt, desto interessanter und weitgefächerter werden die eigenen Ideen.

Ich möchte noch einmal den Gedanken aufgreifen, dass Menschen unterschiedlich sind und deswegen auch in kreativen Prozessen unterschiedlich „funktionieren“. Sehr deutlich wird dieser Umstand beim guten, alten Brainstorming. Das ist ja auch schon über 80 Jahre auf der Welt, und wer hat’s erfunden? Nicht die Schweizer, sondern mein Quasi-Ex-Chef Alex Osborn, das „O“ von BBDO. Das ist die Agentur, in der ich ein gesamtes Jahrzehnt lang das Wesen der Kreativität studiert habe. Wenn Sie das nächste Mal in einem Meeting sitzen, in dem gebrainstormt wird, achten Sie doch einfach mal darauf, ob wirklich jeder zu Wort kommt, ob jeder sich traut. Wahrscheinlich ist es nicht so. Da gibt es einerseits die Solo-Generatoren, vom Anfang der Geschichte, die lieber still und allein Ideen produzieren – und anderseits die, die im ständigen Austausch aufblühen. Zum Glück gibt es hier kein „besser“ oder „schlechter“, das Geheimnis liegt, wie Epstein in einem Experiment herausfand, in der Kombination von Gruppen- und Einzelkreation.

Inzwischen ist das „Shifting Game“ fester Bestandteil von Epsteins Seminaren: Er bildet zwei gleichgroße Gruppen, die 15 Minuten Zeit für eine kreative Aufgabe bekommen, beispielsweise sollen sie sich einen Namen für eine neue Schokoladensorte überlegen. Die eine Gruppe bleibt die gesamte Zeit zusammen, während die andere die ersten fünf Minuten gemeinsam überlegt, dann fünf Minuten auseinander geht, in denen jeder für sich an der Aufgabe arbeitet und schließlich kommt die Gruppe noch einmal fünf Minuten zusammen, tauscht sich aus und erweitert ihre Ergebnisse. Im Regelfall präsentiert die „Shifting-Gruppe“ im Anschluss mehr als doppelt so viele Ideen, als die Gruppe, die die ganze Zeit zusammenblieb. Epstein glaubt, dass durch das Shifting wirklich JEDER einen Part zu der Lösung einer Aufgabe beiträgt, während in festen Brainstorming-Konstellationen die kreativen Beiträge von weniger dominanten Personen oftmals untergehen. Auch, wer nicht in einem Büro arbeitet, kann dafür sorgen, dass seine Ideen auf Gruppenresonanz stoßen – nehmen Sie ihre Ideensammlung doch einfach mit in Ihr Lieblingscafé und tauschen Sie sich mit den Menschen aus, die Sie dort treffen oder bringen Sie Ihrer Familie zum Abendessen mal etwas Gedankenfutter mit – gut möglich, dass dann ein paar leckere Ideen entstehen!