Kreativ im Schlaf?

An Sätzen, wie „Den seinen gibt’s der Herr im Schlaf“ oder „Das sollte man noch mal eine Nacht drüber Schlafen“ ist wirklich etwas dran – vor allem, wenn es ums Kreativsein geht.

Kennen Sie diesen Moment beim Einschlafen oder vielmehr beim Hinübergleiten vom Wachzustand ins Traumland, wenn man plötzlich das Gefühl hat, zu stolpern und die Beine dann tatsächlich zucken, weswegen man plötzlich kurz wieder wach ist? Dieses Phänomen des Bewusstseinsabtauchen heißt Hypnagogie und ist ein Beispiel für die Art von Pseudo-Halluzination, die uns Morpheus mitunter beschert, wenn er uns kurz aus seinen Armen lässt. Nämlich dann, wenn sich das Bewusstsein gerade in eine andere Dimension verabschiedet. Beim Einschlafen scheint es etwas häufiger vorzukommen, aber auch des Nachts kann der eine oder andere ein Lied davon singen, wie es ist, mit einem Bild oder einem Gefühl aus dem Schlaf zu fahren. Manchmal dauert es eine Weile, bis man sich im Klaren darüber ist, ob man eigentlich noch träumt oder schon wieder im Hier und Jetzt angekommen ist. Rund 70 Prozent der Menschheit erlebt regelmäßig diesen Übergang, der nicht nur von namhaften Künstlern effektiv genutzt wird. Verantwortlich für das stufenweise Abgleiten des Bewusstseins ist ein Teil des Hirnstammes, der hemmende Botschaften gen höhere Hirnregionen und Rückenmark sendet, damit das Kopfspektakel langsam heruntergefahren wird und die Muskulatur erschlafft. Je stressiger der Tag war oder je mehr Filme noch im Kopfkino laufen, desto vielschichtiger und ungeordneter läuft auch das Herunterfahren des menschlichen Systems ab.

Nun lassen sich diese Zustände übrigens auch bewusst und gezielt herbeiführen – und methodisch nutzen. Sie sind sogar eine gebräuchliche Kreativtechnik. Es heißt, das Unterbewusstsein wäre in der Phase zwischen Wachen und Schlafen offener, Ideen und Eingebungen würden weniger streng bewertet und Assoziationen wären fließender. Auch sollen die Vorstellungen wesentlich bildhafter und sinnlicher auftauchen.

Sie können es ganz einfach ausprobieren: Legen Sie sich dafür entspannt hin und schließen Sie die Augen. Denken Sie intensiv an das, was Sie beschäftigt, das Problem, für das Sie eine Lösung suchen, die Fragestellung, für die Sie eine Eingebung brauchen. Durch diese intensive gedankliche Auseinandersetzung mit dem Thema, versucht man im Folgenden, die Problemstellung vom Hallo-Wach-Zustand mit in den Dämmerschlaf zu nehmen.

Nun ist da noch die Schwierigkeit, nicht ganz und gar einzuschlafen, denn das, was Sie brauchen liegt nun einmal kurz vor dem Schleier des Vergessens. Wer „richtig“ einschläft, geht nicht über „Los“, darf keine Ideen einkassieren und muss noch einmal von vorne anfangen. Um das zu vermeiden, gibt es mehr oder weniger brutale Tipps: Ein Großonkel von mir hielt sich immer ein Buch vors Gesicht, das ihm auf selbiges fiel und ihn aufweckte, sobald er die magische Grenze überdämmerte. Salvador Dali soll das Gleiche mit einem Teelöffel praktiziert haben. Sie können aber auch einfach einen Schlüssel in die Hand nehmen (oder etwas anderes, was im Fall es Falles geräuschvoll zu Boden gehen würde) und es so halten, dass es auch wirklich fallen kann, wenn sich Ihr Griff lockert. Das Geräusch wird Sie ins Hier und Jetzt zurückholen und sie können mit einem bereitgelegten Stift sofort alles zu Papier bringen, was Ihnen in diesem Schwebezustand zwischen HIER und DA in den Sinn kam.

Forscher der Universität Leiden fanden heraus, dass auch verschiedene Formen von Meditation kreativ machen kann, und zwar auch Menschen, die keinerlei Erfahrung oder gar Routine auf dem Feld der Meditation haben. Lorenza Colzato und Dominique Lippelt bescheinigten der sogenannten Open Monitoring Meditation, bei der die Meditierenden sich offen und empfänglich halten für jede Art von Gedanken und Empfindung, einen durchaus positiven Effekt auf das divergente Denkvermögen der Probanden. Das heißt, sie waren im Anschluss an die Mediation in der Lage sehr viel mehr verschiedene Ergebnisse Lösungsansätze für eine Problemstellung zu finden, zum Beispiel: Wofür kann man eine Gabel benutzen?
Nach einer Focused Attention Meditation hingegen, bei der sich ausschließlich auf einen spezifischen Gedanken konzentriert wird, konnten die Wissenschaftler keinen Effekt auf die Kreativität der Meditierenden nachvollziehen.

Der Unterschied, zwischen der Konzentration auf eine Problemstellung vor Eintritt in diesen Zustand, und klassischen Meditationsformen besteht in der Rolle des Unterbewusstseins. Das darf nämlich bei der nicht kontrollierbaren ersten Variante quasi nackt über eine grüne Wiese rennen und Babygänseblümchen pflücken, während es bei der Mediation von einem gar gestrengen Fräulein-Bewusstsein Rottenmeier im Zaum gehalten wird (für alle diejenigen, die in ihrer Kindheit niemals die Bekanntschaft von Johanna Spyris Heidi, dem Geißen-Peter und dem Alpöhi machen durften: Fräulein Rottenmeier war Mensch gewordene Disziplin in Gestalt einer hauslehrenden Gouvernante).

Professor Ap Dijksterhuis ist Sozialpsychologe und widmet der tragenden Rolle des menschlichen Unterbewusstseins ein ganzes Buch mit dem Titel „Das kluge Unbewusste“. Dijksterhuis zur Folge stehen Ratio und Verstand in Form des Bewusstseins dem potentiellen Blüten des Unterbewussten regelrecht im Weg. Dabei kann es Dinge, zu denen sein gestrenger Aufpasser nicht in der Lage ist, mehrere Dinge gleichzeitig in Angriff nehmen, zum Beispiel. Das Unterbewusstsein springt von Thema zu Thema und ist blitzschnell, intuitiv unterwegs. Wer unterbewusst handelt, folgt einem Instinkt, anstatt die dinge mit dem Kopf anzugehen und durch Nachdenken zu lösen. Dadurch agiert er oft sicherer, da Nachdenken tendenziell zu Verunsicherungen beim Denkenden führt. Das Bewusstsein arbeitet systematisch, langsam und präzise. Es sammelt im Grunde alles, was das Unterbewusstsein beim Kreativsein wieder verbraten kann. Denn, wer kreativ ist, muss etwas Neues erschaffen und keinen Abklatsch von etwas anderem in die Welt bringen, dazu braucht es Über-den-Tellerrand-Denkkapazität und die gibt es nur unbewusst. Deswegen kommen gute Ideen auch so häufig in Momenten, wenn das Bewusstsein gerade mit etwas anderem beschäftigt ist, beim Duschen zum Beispiel oder während eines Spazierganges. Man kann es sich zu Nutze machen, dass das Unterbewusstsein in all seiner Flippigkeit so gerne zielorientiert funktioniert. Das bedeutet, man kann ihm eine Aufgabe – ein Ziel – setzen und etwas Zeit geben, und es wird alles daran setzen, eine Lösung zu finden. Der Faktor „Zeit“ wird dabei häufig unterschätzt: Geben Sie sich und Ihrem Unterbewusstsein Zeit für kreative Prozesse – je mehr, desto besser und desto besser auch das Resultat. Wichtig ist auch, dass die Aufgabe für das Unterbewusstsein so spezifisch, wie möglich ausformuliert ist, sonst kommt es auf seiner Ideensuche nicht weit. Praktischerweise kann das Unterbewusstsein mit sehr viel mehr als einer Aufgabe „beladen“ werden, und während es damit beschäftigt ist, können Sie sich entspannt jeder anderen Routinearbeit zuwenden – oder Sie schlafen einfach noch mal eine Nacht drüber!