09 Innovativ mit Links

Vereinfacht ausgedrückt, besteht das menschliche Gehirn aus einer linken und einer rechten Gehirnhälfte, den sogenannten Hemisphären. Schenkt man dem populärwissenschaftlichen Hemisphärenmodell Glauben, sind diese beiden Hälften unterschiedlich begabt, beziehungsweise für verschiedene Aspekte des Daseins zuständig: Im linken Teil sitzt die Logik, hier läuft alles ab, was in Schritte untergliedert und abgespeichert werden kann, wie beispielsweise Buchstaben und mathematische Symbole. Foto 3 Kopie
Zahlen, Daten, Fakten – Sie wissen schon. Für die wirkliche Bedeutung und Zuordnung der aufgeschnappten Informationen, braucht es jedoch die rechte Hirnhälfte. Das heißt, das Minuszeichen bekommt seine Bedeutung nur durch die bildhafte Vorstellungskraft der rechten Hemisphäre; sie erkennt, wozu etwas gut ist und was man damit anstellen kann und ist damit der kreativ-bildhafte Gehirnteil, der auch dafür sogt, dass Knetgummi und Lego soviel Spaß machen.

Kinder nutzen die beiden Gehirnhälften gleichermaßen und im Allgemeinen recht ausgewogen. Dadurch erklären sich auch die, von Eltern oft gefeierten und viel gerühmten Entwicklungsschübe der Nachkommen, in denen sich das Sprach-Spektrum der lieben Kleinen innerhalb weniger Tage und Wochen von gebrabbelten Einwort-Antworten auf komplexe Satzstrukturen erweitert. Mit der Folge, dass der Zögling in Nullkommanix zum Alleinunterhalter der Sandkiste mutiert – der Einwort-Brabbler „Auto. Auto…“ wird also kurzfristig zum argumentationsstarken Autoverkäufer in Miniaturausgabe: „Audi. Toll. Papa.“

Tröstlich zu wissen, dass diese Eigenschaften einem eigentlich ein Leben lang erhalten bleiben, solange nichts Gravierendes dazwischen kommt; und selbst dann übernimmt mitunter die eine Hemisphäre, soweit es ihr möglich ist, die Funktionen der anderen. Die meisten Alltagssituationen des 21. Jahrhunderts fordern schwerpunktmäßig die linke Gehirnhälfte: Zahlen, Buchstaben, Gesetzmäßigkeiten, Bedienungsanleitungen, Spielregeln und Denkvorschriften bestimmen das Geschehen, während dem Talent der rechten Hemisphäre höchstens noch ein schattig-feuchtes Betätigungsfeld im Hobbykeller angeboten wird – wenn überhaupt. Dabei waren und wären die beiden Gehirnhälften doch einmal ein Traumpaar! Und wie vorteilhaft wäre es, wenn kreatives Potential auch bei rationalen Lernprozessen zur Entfaltung käme.

Tatsächlich kann man sein Gehirn dahingehend trainieren. Längst haben diverse Untersuchungen belegt, dass unsere Denkmasse sich formen lässt. Die Begründerin des Instituts für gehirn-gerechtes Arbeiten, Vera F. Birkenbihl, empfahl zur Stimulation beider Hemisphären täglich etwa zehn Minuten sowohl Assoziationsübungen als auch analoges Denken zu üben, damit läge man ihr zu Folge den Grundstein zum Erlernen sämtlicher Kreativtechniken.

Beim Assoziieren geht es darum, was einem zu einem Begriff alles einfällt; Beispiele hierfür sind das gute, alte Stadt-Land-Fluss-Spiel oder der Kreuzworträtseleffekt à la: Ich suche einen Vogel mit dem Anfangsbuchstaben M oder einen weiblichen Vornamen mit D. Aus einem Gedanken ergibt sich ein neuer – das reizt auch die scheinbar so rationale, lineare und logische linke Seite des Gehirns dazu, auf ihre besondere Art in Kooperation mit dem Nachbarn von der anderen Kopfseite zu gehen.

Beim analogen Denken geht es um Metaphern, also Vergleiche, mit denen die analoge, Bild-affine, gleichnishafte rechte Gehirnhälfte gefordert wird. Auf die Frage, „Als was sehe ich mich heute?“, kommt vielleicht schon mal die Antwort, „Als Kaktus“ und man bohrt weiter: „Warum ein Kaktus? Was macht er mit seinen Stacheln? Will er niemanden an sich heranlassen? Hat er Angst? Wovor? Was sagt mir das über mich/meine Situation?“ … und so weiter und so fort. Das mag vielleicht zunächst etwas seltsam sein, ist aber ein Turbo für Ideen. Und Sie können ja auch was Anderes nehmen als den Kaktus.

Hier noch eine andere lustige Hemisphärengeschichte. Sie zeigt, wie man das Um-die-Ecke-Denken und Kopföffnen fördern kann. Sie offenbart aber auch, was für ein Bein uns die Logik oft stellt. Während die linke Gehirnhälfte Informationen selektiv speichert, generiert die rechte eher Bilder. Leider beeinträchtigt die selektive Wahrnehmung häufig das Verstehen an sich – und dann kann dann buchstäblich gar nichts begriffen werden.

Beispiel gefällig? Dann spreche ich mal gezielt Ihre linke Gehirnhälfte an, indem ich Sie bitte, sich einen Kreis mit zwei Ecken vorzustellen. Was macht jetzt Ihr Hirn? Höchstwahrscheinlich funkt es Ratlosigkeit – es sei denn, sie kennen bereits den Clou der Geschichte. Nahezu verzweifelt, versucht Ihr Denkapparat jetzt nämlich dem Kreis zwei Ecken zu verpassen – und zwar deshalb, weil das Wörtchen „mit“ in ihrem Hirn die Ecken in den Kreis integrieren will. Was natürlich kaum geht. Die Lösung liegt im Dazuschalten der anderen Hirnseite: Wenn Sie nämlich „mit“ als „und“ interpretieren, wird’s einfach: Denn es ist dann völlig egal, ob die Ecken nun außerhalb des Kreises liegen, als Bestandteil des Kreise innerhalb, übereinander oder oder oder … Wer es verstanden hat, braucht nun nur noch Bruchteile von Sekunden für die Lösung. Die rechte Gehirnhälfte hat nun ein Bild – und gut ist.

Es gibt Forscher, die behaupten, es würde Menschen kreativer denken lassen, wenn sie vor dem kreativen Arbeitseinsatz einen Softball in ihrer linken Hand kneten würden, wodurch sie ihre rechte Gehirnhälfte stimulieren würden. Tatsächlich erzielte die Gruppe der mit links knetenden Probanden in einer Studie der Universität Trier bessere Ergebnisse, als die Gruppe, die mit rechts geknetet hatte – kann es wirklich SO einfach sein? Probieren sie es doch einfach einmal aus und schauen Sie selbst, was passiert!

Wäre diese These dann nicht auch Nahrung für die häufig aufgestellte Behauptung, Linkshänder seien – quasi von Natur aus – kreativer als Rechtshänder? Schließlich erledigen sie die meisten Sachen hauptsächlich und buchstäblich mit Links und befeuern damit ständig die rechte Gehirnhälfte, die, wie bereits erwähnt, für kreatives und ganzheitliches Arbeiten, Denken und Funktionieren zuständig sein soll. Verschiedene Statistiken zeigen, dass in kreativen Berufen tatsächlich ein auffallend hoher Prozentsatz an Linkshändern arbeitet; allerdings geht man davon aus, dass der Grund hierfür vielleicht in der Tatsache besteht, dass Linkshänder von klein auf an in den meisten Fällen etwas anders waren als die anderen (schon allein, weil sie die Dinge andersherum machen als ihre Mitmenschen).
Laut Linkshänder-Forscher Chris McManus ist nichts dran an der These vom überdurchschnittlichen Kreativpotential der Linkshänder. Er verweist auf Paul McCartney, den Ober-Beatle und Linkshänder: Auf jeden berühmten Musik-Linkshänder, so McManus, kämen etwa neun ebenso kreative rechtshändige Rockmusiker mit Chart-Erfolgen.

Zum Schluss noch ein paar recht lustige Erkenntnisse zur Links-Rechts-Diskussion, die auf äußerst komplexen Studien beruhen, aber an dieser Stelle stark zusammengefasst werden: Was den Händen nachgesagt wird, erfüllt auch die Nase mit Bravour. Ja, richtig verstanden: Wir unterscheiden uns in Eher-durch-das-linke-Nasenloch-Atmer und Mehr-rechts-Loch-Atmer. Laut Beobachtungen von Venthan Mailoo, veröffentlicht im Indian Journal of Physiotherapy and Occupational Therapy, hat dies nicht nur Einfluss auf die generelle Gestimmtheit von Menschen (Linksatmer haben deutlich mehr Angst und andere negative Gefühle als Rechtsatmer), sondern auch auf das räumliche Vorstellungsvermögen wirken. Bei Männern greift dies sogar ins sprachliche Ausdrucksvermögen ein: Eher-Rechtsatmer reden besser – vorausgesetzt man hat das schon mindestens eine halbe Stunde praktiziert und beginnt dann erst zu sprechen.

So, jetzt atmen Sie mal gut durch – rechts, links oder wo Sie möchten. Atmen an sich erleichtert das Denken nämlich an sich schon mal. Und freuen Sie sich auf das nächste Mal. Ich jedenfalls freue mich jetzt schon.