Ihr Hirn auf Flip-Flops denkt besser.

Entspann dich!!! Eine herrliche Aufforderung, der man so oft, so gerne so-fort nachkäme – wenn man nur wüsste, wie. Und wie man nicht andauernd noch mal schnell 178 Mails checken und nebenbei die Welt retten müsste! Kann man machen, muss man im Allgemeinen auch, aber im Interesse der Kreativität empfehlen sich gezielte und regelmäßige Auszeiten vom oftmals täglichen Survival-of-the-Busyiest-Geschäft. Für all diejenigen unter Ihnen, die ihre kreativen Pausen nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor anderen rechtfertigen müssen, hier ein paar sehr nachvollziehbare Argumente, wie Sie Ihr Hirn mal in den Flip-Flop-Modus bringen:

1. Stress, Angst und Nervosität helfen der Kreativität in etwa so viel, wie Betonschuhe beim Schwimmen. Bitte beachten Sie die Dreifaltigkeit der Kreativitätskiller: Evolutionsforscher gehen davon aus, dass wir, beziehungsweise unsere sehr behaarten Vorfahren, Emotionen auch dafür entwickelten, um das Denken und Handeln effektiv anzupassen. In potentiell gefährlichen Situationen richten wir deswegen unsere Aufmerksamkeit darauf, Schaden von uns abzuwenden. Will sagen: Wenn der Säbelzahntiger kommt, ist es von der Natur verdammt zielführend eingerichtet, dass wir Adrenalin ausschütten und schnell reagieren. Alles, was jetzt nicht zum Flüchten oder Kämpfen benötigt wird, funktioniert praktischer Weise einfach nicht mehr. Und das gilt auch für alle Begegnungen mit Säbelzahntigern 2.0, wie Zeitnot oder Existenzangst. Wenn Sie also Ihr Leben retten müssen, werden Sie nicht zeitgleich ein neues Google entwickeln. Wenn Sie Ihren Pilotenschein machen, können Sie nicht gleichzeitig einen Roman schreiben. Und während Sie als Beifahrer unter der wirren Fahrweise eines Taxifahrers leiden, werden Sie nicht gleichzeitig ein Brainstorming über neue Vertriebsideen anstimmen.

2. Entspannung sorgt dafür, dass unser Fokus sich vergrößert. Wir können mehr Eindrücke aufnehmen, auf uns wirken lassen und auf ganz neue Ansätze kommen. Und Entspannung lässt uns in Kontakt mit unserer Intuition kommen, die wiederum von elementarer Bedeutung für die Entfaltung kreativen Potentials ist, weil wir rein intuitiv Beziehungen zwischen Sachverhalten herstellen, aus denen sich dann etwas neues entwickeln kann. Denken Sie an den Deo-Roller, der auf dem Schreibtisch des Software–Entwicklers stand und ihn zur ersten Computer-Maus inspirierte (falls Sie so eine Maus noch besitzen, drehen Sie sie mal um – na, an was erinnert Sie die Kugel?)

3. Wer grundsätzlich entspannt ist, kann auch entspannt reagieren, wenn es im Innovationsprozess einmal nicht so läuft. Bedeutet: Er oder sie können beispielweise gut mit Frustration umgehen und sind relativ schnell in der Lage, wieder eine positive Grundstimmung zu erzeugen. Die emotionalen Bewältigungsstrategien eines entspannten Menschen sind in der Regel ausgeprägter. Laut Studienergebnissen von Prof. Dr. Nicola Baumann von der Universität Trier und ihres Kollegen Prof. Julius Kuhl von der Universität Osnabrück, bedarf es schon ein gewisses Maß an Gelassenheit und Entspanntheit, um eigene Wünsche, Bedürfnisse, Ziele und Wertvorstellungen in sein Handeln zu integrieren. Was könnte beflügelnder sein?! Praktisch könnte das beispielsweise bedeuten, Arbeitsgruppen zu bilden und so dem Bedürfnis nach interkollegialem, aber auch einfach zwischenmenschlichem Austausch zu entsprechen und gleichzeitig seine Arbeit zu erledigen. Was durch Verknüpfungen von Ideen und Gedanken zu völlig neuen Ansätzen
führen kann.

4. Entgegen dem landläufigen Hohelied auf die Konzentration (Schulsystem lässt grüßen!), belegen inzwischen diverse Forschungsergebnisse, dass milde Tagträume zumindest der Kreativität deutlich besser auf die Sprünge helfen. Natürlich ist es gut, wenn man sich auf eine Sache fokussieren kann, sich nicht ablenken lässt, auch für kreatives Arbeiten braucht man zweifelsohne Disziplin und Durchhaltevermögen. Sogar Thomas Edison, angeblicher Erfinder der Glühbirne und Inhaber von über 1000 Patenten, behauptete, Kreativität bestünde zu einem Prozent aus Inspiration und zu 99 Prozent aus Transpiration.
Nun aber kommt das große Aber: Oft bedeutet Fokussierung und ungeteilte Konzentration eben leider auch, taub zu werden für Spontaneingebungen, blind für Geistesblitze und nicht gerade offen für Inspiration von außen zu sein.

Wer von Ihnen gerade vor einem Computer sitzt, kann gleich einmal den Test machen, BEVOR er weiterliest: www.youtube.com/watch?v=vJG698U2Mvo

In dem Versuch der Kognitionspsychologen Christopher Chabris und Daniel Simons von der Harvard University rennt ein Gorilla durch das Bild und kaum jemandem fällt es auf, eventuell verlässt auch einer der Spieler das Feld während des Spieles und der Hintergrund ändert seine Farbe (all diese Dinge passieren in verschiedenen Anordnungen des bekannten Gorilla-Experiments) – OHNE, dass man es mitbekommt. Und obwohl man meint, konzentriert bei der Sache zu sein. Wie soll es dann erst kreativen Einfällen ergehen, die einen in tiefer Konzentrationsfixiertheit anfliegen? Ein anderes berühmtes Beispiel ist das Ei des Kolumbus: Da konzentriert sich – so will es die Anekdote – eine ganze Meute Gelehrter auf die Problemstellung, ein Ei auf die Spitze zustellen, sieht quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht, weil die Konzentration zu groß ist, um quer zu denken und muss dann zusehen, wie Kolumbus das gekochte Ei beherzt auf den Tisch schlägt, wodurch es natürlich eindrückt und auf der Spitze stehen bleiben kann. Manchmal kann das Loslassen ohne gänzlich abzuschalten eben den Durchbruch bringen. Und übrigens: Die Entschlüsseldung der menschlichen DNA ist weder in einem Labor noch in einem Meetingraum und auch nicht in einsamen Büros gelungen – sondern ganz entspannt zwischen zwei Tennismatches. Satzball für die Forschung!

5. Studien zeigen, dass Alkohol einen positiven Effekt auf die Kreativität hat – offenbar, weil er entspannt, indem er die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt. Man kann zwar nicht jedem Vorgesetzten plausibel machen, dass man deswegen sein Feierabendbier nun in die Morgenstunden verlegt, aber tatsächlich fanden Andrew F. Jarosz, Gregory J.H. Colflesh und Jennifer Wiley von der University of Illinois in Chicago heraus, dass ihre Probanden mit 0.75 Promille intus signifikant schneller waren und bessere Ergebnisse beim Remote Associates Test (kurz: RAT) erzielten, als un-alkoholisiert. Der RAT wurde 1962 von Mednick & Mednick entwickelt und gilt bis heute als valides Messinstrument kreativen Potentials. Dem Probanden werden drei, nicht mit einander verwandte, Wörter präsentiert und er muss ein viertes finden, dass mit allen dreien assoziierbar ist – Beispiel: Schweiz, Hütten, Kuchen; Lösung: Käse. Oder: Humor, Nacht, Farbe; Lösung: schwarz. Leider gibt es den RAT bisher nur für Menschen, die der englischen Sprache mächtig sind, aber die Universität Freiburg im Breisgau scheint nach meinen Informationen derzeit an einer deutschen Variante zu arbeiten.

Zweifelsfrei gibt es viele Momente, in denen Konzentration und damit verbundene Nicht-Kreativität nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch für die Existenz der Mitmenschen interessant ist, also bitte überdenken Sie kurz, in welchem Rahmen Sie das Kreativ-Trinkgelage ausprobieren wollen.
Ich jedenfalls werde nun die Pro-Entspannungsliste mit einem Gin Tonic an meiner Seite beenden – und nur fürs Protokoll: ich sitze auf meiner Terrasse, es ist 21 Uhr und ich bin eigentlich im Urlaub … Zum Wohl!