Früh übt sich, wer mal Innovator werden will.

Jeder von uns war als Kind kreativ. Kaum ein Tag verging, ohne dass wir malten, bastelten, uns verkleideten, Geschichten erfanden oder auf andere Art phantasierten. Doch spätestens mit der Einschulung wurden wir meistens kreativ eher gefaltet, anstatt dass man uns Möglichkeiten zur kreativen Entfaltung bot.
Sozialisierung und Pädagogik wirken sich leider noch immer in der Mehrzahl aller Fälle als Knebel und Fallstrick für die kreativen Machenschaften der Kindheit aus. Deshalb nimmt der kreative Schaffensdrang der Kleinen mit dem Schuleintritt auch rapide ab. Und schon am Ende der ersten Klassenstufe haben die Kinder gelernt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und das eigentlich so wichtige, kreativmachende Tagträumen einzustellen. Laut Psychologe, Autor, Journalist und Forscher Robert Epstein, dem schon mal erwähnten ehemaligen Chefredakteur von „Psychology Today“ und Gründer des Cambridge Center for Behavioral Studies, wird die Kreativität ab diesem Punkt tragischer Weise den „unsozialisierbar Freaks“ überlassen. Und auch in den meisten Elternhäusern wird noch immer Wert darauf gelegt, dass aus dem Nachwuchs „etwas Anständiges“ wird. Das bedeutet in der Regel, dass sich die Eltern für ihr Kind eine Karriere wünschen, die mit wirtschaftlichem Erfolg einhergeht. Künstlern, den „Hauptverdächtigen des Kreativismus“ traut man allgemein noch nicht einmal eine stabile Finanzierung ihres Lebensunterhalts zu. Bei einer Umfrage in den Vereinigten Staaten, was den Leuten spontan für Assoziationen zu der Berufsgruppe „Künstler“ einfiele, ernteten die Fragenden Schlagworte, wie „verrückt“, „betrunken“, „drogensüchtig“ und vor allem „arm“. Wurden dann berühmte Kreative wie beispielsweise Pop-Diva Madonna oder Harry-Potter-Autorin J.K.Rowling erwähnt, wurden diese Personen als „beschenkt“ betrachtet – also vom Schicksal oder einer anderen höheren Instanz mit dem großen Geschenk exzeptioneller Kreativität bedacht. Es herrschen in Punkto Kreativität also noch immer jede Menge Vorurteile. Und durch Exzesse frühzeitig verstorbene Ideen-Ikonen machen das ja auch nicht besser – die lange Reihe an Vertretern dieser Gruppe beginnt mit Legenden wie Jimi Hendrix oder Amy Winehouse und reicht über Michael Jackson bis zu Heinrich von Kleist. Solche Beispiele bleiben natürlich im Kopf.

Inzwischen sollte jedem klar geworden sein, wie wichtig es ist, kreativ zu sein – beruflich in jeder Branche und privat in vielen Alltagssituationen.
Ein großer Wunsch Epsteins ist es deswegen, dass Kreativitätstraining in den Lehrplan von Schulen integriert wird. Davon scheint man jedoch noch meilenweit entfernt. „Keine Zeit“, lautet das angeführte Argument. Stattdessen wird die Jagd nach guten Noten durch das Bestehen standardisierter Tests weiter vorangetrieben. Schade. Meine Tochter geht jetzt für ein Jahr nach Kanada
(dort gibt es eines der besten Schulsysteme der Welt!) und ich habe den Lehrplan der High School gelesen. Der klingt nach Zukunft, während unsere Lehrpläne nach früher Industrialisierung duften! An dieser Stelle ist von der Schule hierzulande also nicht viel zu erwarten. Dabei würde es wahrscheinlich gar nicht so viel Aufwand bedeuten, denn Kreativität braucht in erster Instanz nur etwas mehr Überraschungen und etwas weniger ErklärBärTum. Aimee Stahl und Lisa Feigenson, zwei Psychologinnen der John Hopkins University von Baltimore berichteten unlängst im Fachmagazin „Science“, dass Überraschungen schon bei elf Monate alten Babys den Forscherinstinkt reizen. Bereits vor Ende des ersten Lebensjahres scheinen Menschenwesen nämlich eine Art Vorstellung davon entwickelt zu haben, wie die Welt um sie herum in Grundzügen funktioniert. Die Forscherinnen zeigten den Kleinen im Versuchsaufbau Dinge, die ihren Erwartungen widersprachen: Zum Beispiel ein Spielzeugauto, dass auf eine Tischkannte zurollt und dann nicht hinabstürzt, sondern scheinbar in der Luft weiterfährt. Die Kinder, die so etwas Unglaubliches gesehen hatten, bespielten, untersuchten und prüften das Spielzeug im Anschluss viel intensiver als die Kinder, die dem üblichen Wirken der Schwerkraft zugesehen hatten.

Im Institut of Technology (MIT) in Cambridge wurde ein entsprechendes Verhalten an vier- bis sechsjährigen Kindern beobachtet, denen ein Spielzeug mit versteckten Überraschungseffekten (wie einem lustigen Geräusch) wahlweise von einer Lehrerin erklärt oder aber vorgeführt wurde. Der Unterschied bestand darin, dass der ersten „Erklär“-Gruppe gesagt wurde: „So funktioniert das Spielzeug, ich weiß es und ich zeig es Euch“, der Geräuscheffekt wurde bewusst ausgelöst, alle anderen „Specialeffects“ des Spielzeugs blieben unerwähnt. Die Lehrerin, die der zweiten „Vorführ“-Gruppe das Spielzeug präsentierte, tat hingegen so, als würde sie es ebenfalls gerade erst entdecken. Vom zufällig ausgelösten Geräusch zeigte sich sich ebenso überrascht wie die Kinder selber. Nachdem man beiden Kindergruppen das Spielzeug danach ausgehändigt hatte, fiel auf, dass die Kinder der zweiten Gruppe nicht nur viel länger damit spielten, sondern auch deutlich mehr die versteckten anderen Effekte suchten und entdeckten. Ganz anders die Kinder der ersten Gruppe: Sie hatten den Eindruck gewonnen, der Lehrer kenne die Funktion des Spielzeugs ganz genau. Wozu dann noch weiter entdecken? Ihr kindlicher Forscherdrang war blockiert! Es bleibt anzunehmen, dass sich eine solche Denkweise beim Älterwerden eher festigt. Aber dieses Beispiel – und das Leben – zeigen, dass es sich lohnt, wachzubleiben, Dinge zu untersuchen, zu hinterfragen – egal, wer einem zuvor schon zwanzigmal die Welt von vorn erklärt hat!

Für alle Eltern bedeutet es, dass sie selbst dem Nachwuchs zuhause durchaus kreatives Denken und Handeln vorleben können (wenn’s in der Schule schon so selten passiert). In Gesprächen und Diskussionen kann man Vorschläge von den Kindern einholen – und zwar nicht nur „ … nenn mir drei gute Gründe, warum ich das erlauben sollte …“ sondern mal „ … nenn mir MINDESTENS drei gute Gründe …“ Sie merken schon, dieser Weg ist nicht der bequemste 😉

Es bereitet Kindern auch riesigen Spaß, wenn Sie mit Ihnen über unlösbare Fragen „spinnen“: Wie könnten Schweine eigentlich fliegen? Oder, was würdest Du tun, wenn morgen die Kinder die Oberbestimmer wären und wir Erwachsenen einmal alles tun müssten, was Ihr sagt? Wer bei den vorangegangenen Posts aufgepasst hat, erinnert sich an diese Technik – richtig, es ist die „Fat Chance“ aus den kreativen Warm-Up-Übungen.

Noch eine Idee: Platzieren Sie irgendwo im Haus einen Karton, in dem Ihre Kinder kreative Schnipsel sammeln, Zeichnungen, Notizen, Artikel, was auch immer. Das gibt Kindern das Gefühl, dass Ihre Ideen wertgeschätzt werden.
Übrigens passiert das auch, wenn man ihnen im sicheren Maße und immer mehr eingesteht, eigene Entscheidungen zu fällen, anstatt ihnen alle Entscheidungen abzunehmen. Und wenn Sie von Ihren Kindern etwas gefragt werden, geben Sie die Frage doch mal zurück „Warum finden wir das nicht gemeinsam heraus?“ und dann helfen Sie ihnen dabei, selbst auf die Antwort zu kommen; sie werden erstaunliche Wege dahin finden!

Und auch für Kinder ist es wichtig, zu realisieren, dass Scheitern zum Kreativsein gehört. Ebenso, wie das Sich-Wieder-Aufrappeln und Weitermachen, das erneute Scheitern und das Wiederaufstehen. Auch das will verkraftet, gelernt und durchgehalten werden – und es ist umso einfacher, wenn man Fehler machen DARF (wenn schon nicht in der Schule, dann jedenfalls zu Hause – Sie wissen ja, warum).

Für alle diejenigen, deren Ausgangsbasis nicht so Fehler begrüßend organisiert war, lassen übrigens inzwischen viele Kreativ-Trainer Übungen zum Stress-Management in ihre Seminare einfließen. So lernen die Teilnehmer, sich darauf vorzubereiten, mit Fehlschlägen, aber auch mit dem Unverständnis und der Zurückweisung der Umwelt umzugehen (auch GUTE neue Ideen werden bekanntlich nicht immer mit Jubelschreien begrüßt). Und bei jedem Scheitern kann man sich immerhin sagen, dass man sich mit den brillantesten Köpfen dieses Planeten in guter Gesellschaft befindet.