Aus Märchen mach Startup!

Es war einmal … ein junger Mann, der sich und seiner Freundin einen großen Traum erfüllte: Sie wollten zusammen um die Welt reisen.

Vielleicht haben Sie Ende des letzten Jahres die Geschichte um den 28-jährigen Kanadier Jordan Axani mitbekommen, der für sich und seine Freundin Elizabeth eine Weltreise gebucht hatte. Die große Vorfreude der beiden endete leider jäh; wahrscheinlich spätestens bei der Trennung des Paares und damit nur einige Wochen, bevor die dreiwöchige Reise über New York, Mailand, Prag, Paris, Bangkok und Neu-Dehli losgehen sollte. Was dann aber geschah, ist der Grund dafür, dass diese Geschichte ihren Einzug in meine Kreativitätstheorien fand: Es war, als ob sich von verschiedenen Seiten ganz unterschiedlich kreative Fäden entspannten, aufgenommen und weitergeflochten wurden, bis sie sich letztlich zu einem innovativen Netz zusammenfügten, an dessen Ende nun eine großartige Stiftung steht. Am besten, ich erzähle Ihnen die ganze Sache einmal von vorne, dann werden Sie bemerken, wie viel – zufällige oder schicksalshafte – Kreativität im Spiel war, und was für bemerkenswerte Dinge daraus entstehen können, wenn man sich einfach mal traut, ausprobiert, sich inspirieren lässt und buchstäblich einmal ungewöhnliche Wege geht, wie fast jeder Beteiligte an dieser märchenhaften Geschichte.

Jordan Axani stand also nach dem Ende seiner Beziehung da, mit den bezahlten Tickets im Wert von mehreren tausend kanadischen Dollar. Reiserücktrittsversicherung? Fehlanzeige! Die Reise war ursprünglich ein Schnäppchen: Reduzierter Preis, Umtausch ausgeschlossen und die Tickets – nicht übertragbar. Guter Rat war gerade also genauso teuer, wie die Reise an sich. Und der Gedanke, die Flüge seiner Exfreundin einfach verfallen zu lassen, schien dem jungen Mann aus Toronto nicht gerade die beste Lösung für sein Problem zu sein.

Ob es nun besonders kreativ, eine Verzweiflungstat oder eine Schnapsidee war – die Grenzen dazwischen sind übrigens fließend, beziehungsweise nicht existent. Plus: Genialität und Wahnsinn liegen bekanntermaßen ja oft dicht beieinander – jedenfalls verfasste Jordan einen Post auf Reddit, einer Online-Community, die nach eigener Beschreibung die Titelseite des Internets ist und ähnlich funktioniert wie facebook mit der Überschrift: „Are you named Elizabeth Gallagher (and Canadian)? Want a free plane ticket around the world?“ Wer also den Namen seiner Exfreundin trüge und Kanadierin sei, bekäme die Weltreise geschenkt. Im Weiteren folgte eine ausführliche Beschreibung, was und wen Jordan suchte und wonach er ganz bestimmt NICHT Ausschau hielt. Er erwarte keine Gegenleistung, hoffe auf eine zurechnungsfähige, kluge und (hoffentlich) interessante Mitreisende, wäre eher der Typ, der die Spontanität des Lebens mit offenen Armen begrüßen würde und freue sich über jede Kontaktaufnahme potentiell reisewilliger Elizabeth Gallaghers, sofern es sich dabei nicht um eine Axtmörderin handle. Er selbst hatte, nach eigener Aussage, gar nicht damit gerechnet, dass überhaupt jemand auf seinen Aufruf reagieren würde. Wer hätte auch absehen können, dass Jordan internationale Aufmerksamkeit erregen würde und tausende von Mails bekommen sollte? So viele Leute hatte seine Anzeige dazu inspiriert, ihm zu schreiben, wie gerne und warum sie einmal reisen würden und weshalb sie es aus den unterschiedlichsten Gründen nicht konnten – weil sie krank waren oder andere Schicksalsschläge erlebt hatten, oder einfach kaum genügend Geld da war, um den Alltag zu stemmen, geschweige denn, um es in Reisen investieren zu können.

Ich werde gleich noch einmal darauf zurückkommen, auf was für eine Idee diese Mails Jordan Axani brachten. Vorher zurück zur Suche nach Elizabeth Gallagher Nummer 2: Unter den Zuschriften waren tatsächlich auch 18 kanadische Damen, die diesen Namen trugen! Jordans Wahl fiel auf eine 23-jährige angehende Sozialarbeiterin, deren Schwester via Twitter Jordan ein Bild von Elizabeth „Quinn“ Gallagher mit der unmissverständlichen, pinkfarbenen Aufforderung „Take me!!!“ geschickt hatte. Den Ausschlag hatte nicht zuletzt auch das soziale Engagement der „neuen“ Elizabeth gegeben, die ausgebildete Rettungsschwimmerin ist und sich in Notschlafstellen für Obdachlose engagiert. Jordan hatte sich in seinem Aufruf gewünscht, dass diejenige, die die Reise geschenkt bekommen würde, beizeiten ihrerseits einfach etwas Gutes an die Menschheit zurückgeben würde. Was das betrifft, war Elizabeth „Quinn“ Gallagher quasi in Vorleistung gegangen. Auch die anfänglichen Bedenken der Auserwählten zerstreuten sich, nach einem Telefonat mit Jordan, rasch. Er schien ihr nicht halb so verrückt zu sein, wie seine Idee, mit einer vollkommen Fremden um die Welt zu reisen. Allerdings machte sie von Anfang an klar, dass die Reise der beiden keinesfalls ein hollywoodreifes Finale haben würde, da sie sich bereits in festen Händen befände. Dennoch nahm Hollywood übrigens nach Rückkehr der beiden Verhandlungen mit Jordan auf, über die Filmrechte an der Geschichte. Man darf gespannt sein.
Da Jordan sich nach der Trennung von Elizabeth I. nicht weiter mit der Reiseplanung beschäftigt hatte, waren noch keine Hotelzimmer gebucht worden – und das war inzwischen auch gar nicht mehr nötig. Die unfreiwillig zur weltweiten Kampagne avancierte Suchaktion hatte für genügend Aufmerksamkeit gesorgt und so offerierte das Marriott International den beiden Weltreisenden die kostenlose Bereitstellung zweier Einzelzimmer auf jeder Reiseetappe.
Nach ihrer Reise berichteten Elizabeth II. und Jordan von einer großartigen Zeit, die sie gemeinsam, als eine Art großer-Bruder-kleine-Schwester-Gespann erlebt hatten.

Mit dem, was als Weltreise begann, schlug der Immobilien-Manager Jordan Axani persönlich noch eine ganz andere Route ein. Nach eigenen Worten erkannte er, dass er aus seiner viral gewordenen Geschichte etwas von dauerhaftem sozialem Wert kreieren konnte: Basierend auf seiner Überzeugung, dass Reisen Menschen für immer verändern, gründete er gemeinsam mit seinem Bruder die Stiftung „A Ticket Forward“, die über Crowdfounding Geldspenden sammelt, um Menschen Reisen zu ermöglichen, die sie sich anders niemals erlauben könnten; Menschen, die in Krisengebieten leben, mit schweren Krankheiten kämpfen oder auf irgendeine Art Missbrauch erlebt haben. Jordan hatten die zahlreichen Mails, die er nach seinem Aufruf bekommen hatte, tief bewegt; so schrieb ihm beispielsweise ein achtjähriger Junge, der so gerne die Welt mit seinen Augen sehen wollte, bevor er, wie ihm von ärztlicher Seite prognostiziert worden war, erblinden würde. Auf www.aticketforward.org finden sich sehr persönliche Geschichten von Menschen, die „A Ticket Forward“ zur Realisierung einer Traumreise ausgesucht hat, so kann sich jeder Spender ansehen, wen er, wohin auf die Reise schickt.
Inzwischen beschäftigt „A Ticket Forward“ mehr als 34 Mitarbeiter auf vier Kontinenten; die Organisation wächst und wächst. Kaum zu glauben, dass das alles mit ein paar Schnäppchen-Tickets und dem Ende einer Beziehung begann.