Je kontroverser, desto innovativer

Viele von uns sind in ihrem Leben bereits Opfer von Herdendenken geworden. Wer schon seit Jahren im gleichen Team denkt und arbeitet, dem passiert es fast unweigerlich: Wie viele alte Paare, hat man sich aufeinander eingespielt, und so werden die Ergebnisse der Aufgabenstellungen einander immer ähnlicher. Im Grunde kann man sich schon von vornherein darauf einstellen, was am Ende herauskommen wird. Ein wenig überraschendes Set von mehr oder weniger Standard-Lösungen, Strategien und Ansätzen. Die Gründe dafür sind übrigens nicht unbedingt immer in der wirklichen Homogenität der Geister zu finden. Viel häufiger liegt die Ursache darin, dass man gelernt hat, dass die Position des Zweifels, beziehungsweise des anders Denkenden nicht die bequemste ist. Nicht selten sind in der Geschichte Katastrophen passiert, weil sich niemand getraut hat, im entscheidenden Moment eine andere Meinung zu haben als die, die man gerade für die allgemein gängige hielt. Es gibt eine Theorie aus dem Jahre 2007 von einem Herrn Kunz. Sie geht davon aus, dass auf diese Weise auch die Entscheidung der Bush-Regierung für den Krieg gegen den Irak zustande kam.

Es geht aber auch weniger dramatisch und passiert tagtäglich in Unternehmen, die verschiedene Kunden mit ähnlichen Bedürfnissen haben. Hier kann man das Phänomen „Herdendenken“ oft sehr gut beobachten. Denken wir beispielsweise an eine Firma, die mit Lebensmitteln handelt und unterschiedliche Supermärkte als Abnehmer hat, die wiederum von Zeit zu Zeit Kampagnen veranstalten. Ziel einer jeder Aktion ist es natürlich, dass Kunden aufmerksam werden und bestenfalls die beworbenen Produkte kaufen. Und in den allermeisten Fällen wird dazu immer zu denselben Mitteln gegriffen: Anzeigen in Beilagen der Lokalpresse, manchmal sogar Fernsehwerbung und – sehr klassisch – Werbetafeln vor Ort im Supermarkt. Manchmal, total „kreativ“, gibt es gar einen Pappaufsteller oder einen sogenannten „Wobbler“ (das sind diese Dinger aus Papier oder Plastik, die einem aus den Regalen entgegenhängen und einem sagen, was an dem Produkt, vor dem sie rumwobbeln eigentlich so toll ist, dass man es kaufen soll). Immer dieselben Teams ergreifen immer dieselben Maßnahmen. Kennen Sie den Werbespot der Sparkassen, in dem der CEO einer 08/15-Bank nach langer Sitzung endliche die Entscheidung für bunte Werbefähnchen fällt? Ging früher, geht auch heute. Dieser Denke verdanken wir übrigens auch die endlosen und einschläfernden Powerpointpräsentationen, mit denen branchenübergreifend tagtäglich Millionen von Menschen masakriert werden, anstatt dass mal etwas anders gemacht wird, was das Publikum nicht in kürzester Zeit schlaff werden lässt – aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Zurück zum Herdendenken: Untersuchungen haben gezeigt, dass sich in Teams, die eine Zeit lang zusammenarbeiten, bestimmte Herangehensweisen ausprägen. Es entwickeln sich sichere Denk- und Verhaltensmuster. Nicht unbedingt ein Beschleuniger, wenn es darum geht, innovativer zu werden und neue Ideen auf den Weg zu bringen. Die gute Nachricht lautet: Man kann die Denkroutine ganz einfach aufbrechen. Es genügt, zum Beispiel, der Gruppe ein neues Gesicht zu zuführen. Diese neue Person verleitet jedes einzelne Gruppenmitglied dazu, neue Gedanken, Ideen und Verhaltensweisen zu entwickeln.
So verführerisch der Gedanke erscheinen mag, harmonische Arbeitsgruppen bestehen zu lassen, so eindeutig belegen die Studienergebnisse von Hoon-Seok Choi und Leigh Thompson von der Kellogg School of Management der Northwestern University in den USA, einen eindeutig negativen Einfluss auf jeglichen innovativ-kreativen Output solcher Teams. Stattdessen sollten Mitarbeiter alle sechs bis acht Monate zu neuen Arbeitsgemeinschaften zusammengewürfelt werden. Eine andere Möglichkeit, für frisches Gedankengut zu sorgen, ist das Einladen von Leuten zum Austausch, die gar nicht zum Unternehmen gehören, vielleicht sogar vollkommen branchenfremd sind – ein Garant für variationsreiche Ideen. Wer selbst darüber entscheidet, mit wem er wann zusammenarbeitet, sollte versuchen, sich mal bewusst mit branchenfremden Menschen auszutauschen. Und dann heißt es: Gut zuhören und offen sein für ganz neue Denkansätze und Wege, die man gemeinsam beschreiten kann.

Die Lieblingsgruppenkonstellation der Kreativität ist und bleibt ein Team, dessen Mitglieder möglichst unterschiedlicher Meinung sind. Vorausgesetzt, dieser Dissens kann offen und ehrlich geäußert und diskutiert werden. Hier muss man aufpassen, dass es nicht zu sehr menschelt: In der Regel suchen wir nach Harmonie. Konsens wird als stimmig und angenehm empfunden, Uneinigkeit (privat wie beruflich) dagegen eher als störend und nicht förderlich erlebt. Stärker sogar: Äußert ein Mitmensch eine von der eigenen Meinung abweichende Überzeugung, neigen wir automatisch dazu, den Kontakt zu ihm zu vermeiden und ihm eventuell vorher entgegengebrachte Sympathiepunkte umgehend wieder abzuziehen.
Eine Reihe von Studien aber zeigt, wie offen kommunizierte Uneinigkeit unter den Mitgliedern einer Gruppe oder eines Teams zu kreativen Lösungen und Innovationen führt. Petty, Fleming, Priester & Feinstein erklären, was passiert, wenn jemand eine abweichende Meinung äußert: Wir sind überrascht. Und diese Überraschung mobilisiert unsere Aufmerksamkeit; wir versuchen der Sache auf den Grund zu gehen. Eventuell fragen wir uns, warum die Person eine falsche Überzeugung hat. Vielleicht überdenken wir bisweilen noch einmal unsere eigene Meinung. Kommt es mitunter dann sogar in Frage, dass wir beide irren? Die Uneinigkeit hat zur Folge, dass wir genauer über eine Problemstellung nachdenken und sie intensiver in der Gruppe diskutieren, als wenn alle von Anfang an einig sind.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der auf Kreativität und Innovationskraft eines Teams großen Einfluss hat und eng mit den vorangegangenen Beispielen verwandt ist: Jack Goncalo von der Universität of California in Berkely, fand heraus, dass homogen-harmonische Arbeitsgruppen mit Ultra-Teamspirit weniger kreativ sind, als Teams, die den Beitrag jedes Einzelnen lobten.
Zum Schluss noch ein paar Tipps für das „echte Leben“: Wenn Sie in einem Team arbeiten, ermutigen Sie Ihre Mitstreiter, zu überlegen worin genau ihr persönlicher Beitrag zum Gelingen einer erfolgreich gelösten Aufgabe/eines Projektes oder einer Ideenentwicklung bestand. Das lässt sich auch noch hervorragend im Nachhinein machen. Sie sorgen so dafür, dass sich die Teammitglieder auch zukünftig mehr für Meinungen und Ansätze anderer öffnen. Und das wiederum macht alle kreativer. Und wenn Sie jemand sind, der einem Team Feedback geben muss, achten Sie einfach darauf, dass Sie Einzelleistungen hervorheben und zwar möglichst unterschiedliche und am besten für jeden Einzelnen der Gruppe. (So) bleiben Sie innovativ! Oder werden innovativer!