Na, sind Sie jetzt wach? Gut, dann hat meine kleine literarische Entgleisung genau das getan, was sie sollte: Der Huch-Moment hat eine gewisse Grenze überschritten. Der Phönix braucht die Asche. Die Neuausrichtungen braucht den Punkt, an dem es nicht mehr so weitergeht wie bisher. Wenn nichts mehr geht, geht doch noch mindestens eines – und zwar meistens sehr gut: Innovation. Und es ist sogar die Regel, dass Innovationen nicht aus der Komfortzone heraus entstehen. In meinen Vorträgen spreche ich deswegen auch manchmal vom „Tod in der Sänfte“. Den sterben nämlich diejenigen, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhen. Es gibt dann scheinbar keinen Druck, etwas neu oder anders zu machen, wenn alles gerade prima funktioniert. Eine ähnliche Geschichte mag die Telefonzelle auf der Denkmalssäule erzählen, die ich jüngst in Berlin sah. Telefonzellen überleben bis in alle Ewigkeit, oder etwa nicht? Vielleicht dachten das auch die Dinosaurier – wenn das mit dem Denken damals überhaupt funktionierte. Wer es jedenfalls ganz bestimmt auch so hielt, waren Firmen wie Nokia, Kodak und Sharp (letztere sind die Jungs, die das LCD-Fernsehen erfanden) – allesamt Vorreiter einer bestimmten Technologie und doch inzwischen weit weg vom Fenster. Es gibt natürlich inzwischen auch Unternehmen, die es gar nicht mehr so weit kommen lassen und bei denen Innovationen quasi zum Alltagsgeschäft gehören. Sie versuchen fortwährend, innovativ zu bleiben. Viele von diesen Firmen sitzen im Silicon Valley – aber eben nicht nur dort.

Wenn Sie selbst schon einmal an einer Innovation beteiligt waren, erinnern Sie sich bestimmt auch an das Ach-und-Weh-Geschrei von den sogenannten „Bedenkenträgern“. Das setzt immer dann ein, wenn etwas Neues ausprobiert werden soll. Völlig normal. Was meinen Sie, wie es R.J. Reynolds Anfang des 20. Jahrhunderts ging, als er die Idee hatte, fertig gerollte Zigaretten in Packungen abzufüllen und zu verkaufen? Damals konnte sich wirklich niemand vorstellen, dass jemand freiwillig auf das amüsante Rollen seiner Glimmstängel verzichten würden. Und dann auch noch dafür bezahlen? Eine kreative Werbekampagne und ein Jahr später hatte der findige Amerikaner 425 Millionen Zigarettenpackungen seiner „Camels“ verkauft. Ging eben doch!

Es heißt, Innovation hätte nichts mit dem richtigen Timing oder der Marktlage zu tun, sondern nur damit, etwas in die Welt zu bringen, dass (unbewusste) Wünsche erfüllt. Etwas, dass eine Lücke füllt; etwas, dass gebraucht wird, obwohl noch niemand weiß, dass es fehlt …

Bedauerlich übrigens auch für Camels R.J. Reynolds, der sich auf seinem Erfolg ausruhte und verpasste, wie die Welt um ihn herum sich änderte. Schwupps, entdeckte die Konkurrenz, dass man Zigaretten als perfektes Diätmittel anpreisen könnte – gern konsumiert von Hollywoodstars. Und schon hatte Reynolds seine Marktführerschaft wieder eingebüßt. Das genügte ihm jedoch zur Inspiration, und schon flogen die Werbefäuste: Das Blatt wendete sich erneut, als Reynolds damit warb, dass die meisten Ärzte seine Zigarettenmarke rauchen würden. Klingt verrückt, funktionierte aber super (man hatte ja damals noch keine Ahnung von den wirklichen Konsequenzen des Nikotins). Genauso, wie die Behauptung den Absatz antrieb, dass Sportler am liebsten Camels rauchen würden. Vergessen Sie das alte „Survival of the fittest“! Es geht nicht darum fit oder jung oder besonders intelligent zu sein. Sondern darum, Möglichkeiten zu erkennen und sein Handeln immer wieder den veränderten Gegebenheiten anzupassen!

Kennen Sie die Geschichte vom Frosch und dem kochenden Wasser? Ich schwöre, ich habe sie nicht selbst ausprobiert, sondern nur gelesen! Was glauben Sie, macht ein Frosch, den man in einen Topf mit heißem Wasser setzt? Genau, er springt sofort heraus, aus seiner misslichen Lage. Wenn man den Frosch aber in einen Topf mit lauwarmem Wasser gibt und die Temperatur langsam erhöht, dann bleibt der kleine Kermit sitzen, bis er selbst kocht.

Im Grunde sind wir Frosch: Plötzliche Veränderungen lassen uns größere (Gedanken-)Sprünge vollführen, als ein langsames Siechtum – die allmähliche Verschlechterung unseres Zustandes. Manche kennen dieses Phänomen auch aus Beziehungen: Man arrangiert sich, macht faule Kompromisse und verschenkt ein paar gute Jahre – es sei denn, man hat eine dieser In-flagranti–Begegnungen. Dann geht der Abschied von einem unpassenden Partner in den meisten Fällen etwas zügiger vonstatten. Also: Besser wir bleiben wachsam und bemerken die Veränderungen in unserem Umfeld, bevor es zu spät ist.

Und: Glauben Sie nicht alles, was Sie denken! Womöglich sind Ihre Gedanken nämlich entliehen. Ein weiteres Experiment mit Tieren legt das nah. Es war einmal … eine kleine Gruppe mit Affen und eine kleine Gruppe von Forschern. Die einen setzen die anderen in einen großen Behälter mit Glaswänden, der nach oben offen war (wer wo saß, dürfen Sie raten 😉 Zudem wurde eine Leiter in den Behälter gestellt. Über dem oberen Ende der Leiter hing eine Staude mit verlockenden gelben Bananen, gut sichtbar für die Affen im Glashaus. Sobald aber einer von ihnen die Leiter erklomm und nach den Früchten griff, gab es eine relativ unangenehme Wasserdusche für die ganze Truppe. Die Tiere versuchten es zwei oder dreimal. Dann gaben sie auf. Nun wurden die Affen nacheinander ausgetauscht. Jedes Mal, wenn ein „alter“ Affe ersetzt wurde, wollte der neue Mitbewohner von Glashausen sofort die Leiter rauf und eine Runde Bananen für alle schmeißen. Dieser allerdings wurde von seinen Artgenossen überwältigt und von seinem Vorhaben abgehalten – aus Angst vor der nächsten Dusche. Irgendwann gab es keine Affen mehr in dem Gehege, die jemals selbst eine Dusche erlebt oder sie gesehen hatten. Und die Forscher hatten die Wasseranlage auch gar nicht mehr in Betrieb. Doch obwohl die Affen ungehindert an die Bananenstaude gekommen wären, unternahm nicht einer von ihnen auch nur den Versuch, in ihre Nähe zu kommen.

Übertragen wir das mal auf unsere Denke. Was denken wir über unsere Branche? Über unsere Geschäftsmodelle? Über unsere Kunden? Unsere Produkte und Dienstleistungen? Ist das überhaupt (noch) unsere eigene Annahme? Oder haben wir davon nur gehört und nehmen jetzt an, das sei richtig so – bis in aller Ewigkeit? Bevor Sie also zulassen, dass Ihr Blickwinkel zu Ihrem Schicksal wird, überlegen Sie bitte, ob es sich wirklich um Ihre eigenen Überzeugungen handelt. Vielleicht ist es Zeit, den Mut aufzubringen, umzudenken und einfach mal etwas anderes auszuprobieren. Und dazu braucht es manchmal auch (siehe oben) einen lauten Knall! Bleiben Sie innovativ!