Falten, Neugier und Grimassen

Denken Sie doch einmal an jemanden, den Sie für kreativ halten. Was für Hobbys hat diese Person? Wofür interessiert sie sich? Und gab es irgendwelche interessanten Stationen auf dem beruflichen und/oder privaten Werdegang dieses Menschen? Und warum sollten Sie sich überhaupt die Mühe machen? Nun, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Ihnen auffällt, dass findungsreiche Geister in den allermeisten Fällen auf einen großen Erfahrungsschatz blicken können, sich andauernd irgendwelchen neuen Herausforderungen stellen, häufig ungewöhnliche Hobbys haben und grundsätzlich für inspirierende Themen offenstehen.
Hierzu ein Beispiel aus dem echten Leben: Marius, einer meiner engsten Freunde, ist freier Grafiker. Auf seinem selbstgemachten Stundenplan sind ständig irgendwelche Unternehmungen zu finden, die ihn quasi von hinten durch die Brust ins Auge inspirieren. Mal geht er in eine Kunstausstellung; ein anderes Mal trifft man ihn auf einem Vortrag der Kinderuni zum Thema „Warum gibt es eigentlich Geld?“. Neulich begegnete ich ihm in einem Café, in dem er ein Buch las, das sich um Baumbeschneidung und –Veredelung drehte. Und nein, der Mann hat keinen Garten. Egal, um welches Thema es geht, ich kann mir einfach sicher sein, von Marius grundsätzlich die absonderlichsten und komischten Artikel und YouTube-Videos zugeschickt zu bekommen.
Und auch die Wissenschaft gibt Marius Recht. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die belegen, dass Menschen kreativer denken können, wenn sie sich vor dem Lösen einer kreativen Aufgabe, mit etwas ganz anderem beschäftigen. In diesem Fall ist also die Henne nicht vor dem Ei da. Will sagen, dass man sich erst bis zu einem gewissen Maße kreativ gemacht haben muss, bevor man sich für alle möglichen Inspirationen öffnet. Nein, im Gegenteil: Fangen Sie heute einfach mit irgendetwas an, was Sie sonst links liegen ließen und Sie werden selbst merken, dass es Ihnen hilft, auf andere Ideen zu kommen.

Diese Erkenntnis macht sich Hallmark seit Jahren zu Nutzen. Seit über 100 Jahren entwirft und produziert das internationale Unternehmen, haptisch und inzwischen natürlich auch virtuell, Grußkarten. Da ist Inspiration für die Texter, Designer, Editoren, usw. natürlich wie Kraftstoff für Motoren; schließlich sollen hier weiterhin pro Jahr etwa 15.000 neue Ideen zu Karten werden. Und genau deswegen setzt das Unternehmen darauf, dass weitgestreute Informationen das kreatives Schaffen anregen: Jedes Jahr findet im Hauptfirmensitz in Kansas City die sogenannte Hallmark Convention statt, zu der jedes Mal mehr als 50 illustre Referenten gebeten werden. Zu den Gästen gehörten unter anderem schon der Gründer vom Cirque De Soleil Guy Laliberté oder auch Guy Kawasaki, Autor, Unternehmer und Risikokapitalgeber, ehemaliger Psychologiestudent an der Stanford Universität und der Mann, der Mitte der 1980er Jahre für die Vermarktung bei Apple zuständig war. Je diverser der Input, desto vielfältiger die Inspiration.

Richard Friedman und seine Kollegen von der Universität Maryland griffen den Ansatz der fortwährenden Stimuli auf, forschten aber noch weiter. Dabei fanden Sie heraus, dass obendrein auch unsere Mimik beim Entdecken von Neuigkeiten und Kennenlernen neuer Zusammenhänge eine entscheidende Rolle für die Entwicklung von Kreativität spielt. Wie das? Die Forscher baten eine Gruppe von Probanden, für einige Minuten ihre Augenbrauen anzuheben und eine andere Gruppe, auf Teufel-komm-raus, die Stirn zu runzeln. Im Anschluss wurden die Untersuchungsteilnehmer angewiesen mit „ihrem“ trainierten Gesichtsausdruck eine Aufgabe zu lösen und das möglichst kreativ. Die Hypothese von Friedman lautete, dass ein körperliches Öffnen des Gesichtes (in Form von gehobenen Augenbrauen) zu innovativeren Denkleistungen führen könnte als ein Zusammenziehen, also Runzeln, des Gesichtsausdrucks. Er hatte Recht: Die Augenbrauenheber produzierten nicht nur quantitativ mehr Lösungen, sie waren dabei auch noch signifikant origineller als die Runzelmimen. Was das für die chinesischen Faltenhunde dieser Welt bedeutet, darf sich nun jeder selbst gern zusammenreimen …Wenn Sie also das nächste Mal kreativ sein wollen: Augenbrauen hoch! Und falls Sie es in einem Team sein müssen, haben Sie gleich einen herrlichen Auftakt für einen kurzweilige Gruppenanimation: „… und jetzt alle!“

Apropos „kleiner Tipp, große Wirkung“: Da fällt mir doch noch die Sache mit den detaillierten Briefings ein, die ich unbedingt einmal erwähnen wollte! Je mehr Aufgaben-Details nämlich jemand „aufgebrummt“ bekommt, desto weniger kann er oder sie sich nämlich kreativ entfalten. Wer möchte, dass Mitarbeiter kreativ arbeiten, sollte auf Schritt-für-Schritt-Anweisungen verzichten und ihnen genug Vertrauen entgegenbringen, dass sie schon einen Weg finden werden und sich wieder melden, wenn Fragen auftauchen. Kreativ-tödlich sind Briefings oder Listen von Vorgesetzten, in denen genau steht, was genau, wofür gebraucht wird. Und womöglich auch noch, auf welche Weise die Aufgaben umgesetzt werden sollen. So können eventuell schnellstmöglich Supermarktregalbefüllungsanweisungen geregelt, aber eben keine Aufwinde für kreative Höhenflüge produziert werden.
Natürlich kann es manchmal verlockend sein, sich in Details zu ergehen – es ist schließlich eine Art, die Kontrolle über alles zu behalten und potentiell auftauchende Probleme im Auge zu behalten. Wer nur den Anweisungen folgt kann ja nichts falsch machen. Nur leider eben auch nichts Überraschendes. Keine Autonomie, keine Kreativität, keine Innovation, keine Zukunftstauglichkeit.
Also lieber die Basics einer Aufgabe kommunizieren und darauf vertrauen, dass die Freiheit, die man den Mitarbeitern durch wenige Vorgaben einräumt, ihrer Kreativität Flügel verleihen wird.
Und wer dann noch das „Schöner Scheitern“ in seinem Unternehmen etabliert und lebt, macht schon sehr vieles richtig. Was das wieder ist, finden Sie in einem anderen Artikel und auf www.gerrietdanz.com

Ich möchte diese Geschichte mit einem Zitat von Grace Hopper beenden, das im Grunde unter jeder meiner Geschichten stehen könnte. Hopper hat für ihre Leistungen mehr als 40 Ehrendoktorwürden bekommen, den Ur-Computer Mark 1 programmiert, das erste Benutzerhandbuch geschrieben, den ersten Computer namens A-O zusammengebaut, die Programmiersprache Flow-Matic erfunden und wurden weltberühmt, weil sie COBOL entwickelte (Common Business Oriented Language) – sorry, ich wollte Bandwurmsätze vermeiden, aber manchmal geht es eben nicht anders. Sie musste 80 Jahre alt werden, bevor sie ihren Ruhestand akzeptierte, und sie riet jedem: „Wenn es eine gute Idee ist, dann mach es einfach. Es ist viel einfacher, sich nachher zu entschuldigen, als vorher die Genehmigung zu bekommen.“

In diesem Sinne schon mal sorry – und bleiben Sie innovativ!